Lektion 1: Hinterfragen vor dem Fragen
Wie unten angekündigt, wird Richard Dawkins dieses Blog ein bisschen indirekt beherrschen. Aber ich muss ein bisschen ausholen.
In den letzten Jahren meiner ideologischen Entwicklung (beinhaltend: Pazifismus, Atheismus, Liberalismus et cetera perge perge) habe ich mich außer den ganzen anderen – wie meine bessere Hälfte zu sagen pflegt – “schweren” Themen auch mit Nationalitäten und Rassen (das geht für mich Hand in Hand) auseinandergesetzt. Das dazugehörige Fazit: Nationalitäten und Rassen sind Namen sind Schall sind Rauch sind wertfrei.
Dawkins setzt sich in der “Geschichte der Heuschrecke” mit Rassen auseinander, explizit mit einem Zitat von R. C. Lewontin auseinander, in dem Lewontin nach einigen Ausführungen mit den folgenden Worten schließt:
“Die Rasseneinteilung der Menschen hat keinen gesellschaftlichen Wert und wirkt zerstörerisch auf gesellschaftliche und zwischenmenschliche Beziehungen. Da einer solchen Rasseneinteilung heute praktisch keine genetische oder systematische Bedeutung beigemessen werden kann, lässt sich für ihre Beibehaltung keine Rechtfertigung mehr anführen.”
In kurz: Da die Rasseneinteilung außer negativem keinen Sinn hat, sollte sie abgeschafft werden. Also praktisch das, was ich dazu denke.
Tatsächlich ist unsere gesellschaftliche Rasseneinteilung mehr als nur sinnlos, sie ist schlichtweg absurd. Man beachte folgendes Foto (objektiv ohne Rücksicht auf die Namen der Personen, die auf dem Bild zu sehen sind):

Wie viele Weiße und wie viele Schwarze sind auf diesem Bild zu sehen?
Aha. Drei Weiße, eine Schwarze? Nein natürlich nicht, wir wissen ja, dass Colin Powell schwarz sein soll, also sind es zwei Weiße und zwei Schwarze. Aber warum ist Colin Powell schwarz? Kein Kind (oder “Marsianer”, wie Dawkins scherzhaft schreibt) würde ihn als Schwarzen erkennen! Dazu muss man sich folgendes überlegen: wenn ich heute ein Kind mit einer schwarzen Frau bekomme, dann ist es schwarz. Denn “Mischling” klingt blöd, ne? Gut. Wenn dieses Kind mit einem weißen Partner ein Kind zeugt, dann ist auch das schwarz. Und so weiter und so fort. Schwarz ist also “dominant”, im Vergleich zum “rezessiven” Weiß. Nun will ich hier nicht klingen wie irgendein “White Power”-Spinner oder so, der Angst davor hat, die Schwarzen würden die weiße Rasse verunreinigen, mir ist die weiße Rasse – auf deutsch geschrieben – scheißegal. Aber wir sind mittels meines kleinen Kniffs schon beim Thema angelangt: die schwarze Rasse “verunreinigt” (auf white-powerish-geschrieben) ein Kind, sodass es und seine Nachkommen immer schwarz sein werden, unabhängig davon wie sehr das auf ihre reale “Farbe” zutrifft.
Wie bescheuert ist das denn?
Aber ich scheife ab.
Ich war ja ursprünglich zum Schluss gekommen, dass Nationalitäten/Rassen vollkommen sinnlos sind. Und ich muss sagen, dieser Schluss ist nicht vollkommen auf dem objektiven Weg der Vernunft entstanden, sondern mit Sicherheit auch aus einer Voreingenommenheit. Denn so sehr ich Sokrates auch mag, habe ich dabei doch glatt eine seiner Grundlage vergessen: bevor du über Begriffe nachdenkst, solltest du klarstellen, was diese Begriffe bedeuten! Also, bevor ich darüber nachdenke, ob Rassen/Nationalitäten sinnvoll sind: was sind denn Rassen und Nationalitäten? Und da löst sich der ganze Quatsch auch schon auf.
Meine Schlussfolgerung von “Rassen … sinnlos” (ich habe langsam keine Lust mehr, das immer und immer wieder aufzuschreiben) stammte aus meiner persönlichen Erfahrung. Und die besagte: “wo du herkommst, wie du aussiehst, sagt nichts über die Person aus, die du bist”. Und in der Tat! Meine Rasse, meine Nationalität, sagt nichts darüber aus, ob ich intelligent bin, schnell rennen kann, ein besonderes Talent für das Spielen eines Didgeridoos habe oder gerne Zoophilie betreibe.
(Erklärung wie ich auf Zoophilie komme: in der NEON vom Januar ist ein Artikel über u. a. einen Boeing-Ingenieur, der verstorben ist, “nachdem er sich von einem Pferd penetrieren ließ”. Erste Reaktion: Handfläche auf die Stirn. Zweite Reaktion: Kopfschütteln. Dritte Reaktion: “Ein Pferd?!?!?!??” Weitere Reaktionen seien dem Leser überlassen. Aua.)
Nein (wir sind wieder beim Rassethema), meine Rasse sagt etwas über mein Aussehen aus, unter Umständen über meine Herkunft, wahrscheinlich auch über den Lichtschutzfaktor meiner Sonnencreme. Meine Nationalität sagt hauptsächlich etwas über meinen kulturellen Hintergrund aus, vielleicht etwas über meine Lieblingssportarten oder Essgewohnheiten. Und natürlich noch einige nicht wirklich relevanten Einzelheiten.
ABER DIESE BEIDEN EIGENSCHAFTEN SAGEN NICHTS ÜBER MICH AUS
Also, quod erat demonstrandum: Dawkins ist großartig und Rassen/Nationalitäten sind nicht sinnlos. Unser vorurteilsbehaftetes Verständnis vom Rassebegriff hingegen schon.