Digressionszwang
“Gott, wie ich das hasse”
(“Fänger im Roggen”)
Eine der tollsten Stellen im Fänger im Roggen (falls Sie gerade auf den Link geklickt haben, das ist eines der großartigsten Bücher überhaupt) ist die, an der Holden davon erzählt, dass sie im Englischunterricht eine Übung machen, bei der ein Schüler sich vor die Klasse stellt und von einem Thema erzählen muss und die anderen Abschweifung rufen müssen, und so. Satzbau und Wortwahl = Wink mit dem Zaunpfahl. Jedenfalls kann er das überhaupt nicht nachvollziehen, warum es so toll ist, bei einem Thema zu bleiben, das sei vollkommener Quatsch. Es ist so unglaublich merkwürdig, wenn man ein Buch liest, das sechzig Jahre alt ist, und man fühlt sich besser verstanden als von den meisten seiner Mitmenschen, obwohl die einem ja zuhören, etc. etc. aber ich schweife ab. Zweck dieser Einleitung ist Folgendes: ich liebe Abschweifungen und ich finde beim Thema bleiben und eine Argumentation vernünftig aufbauen ist sinnvoll, vor allem im echten Leben und so weiter, aber wenn ich schwimme, dann keine Bahnen, sondern irgendwo auf dem Rücken im Salzwasser, weit weg und ohne Krafteinsatz. Im Sinne von “treiben lassen”.
Also wollte ich kurz einen Gedankenfluss von heute mittag ab- und ausschweifend niederschreiben, um mich etwas über die Menschheit auszukotzen. Ganz im Sinne des beginnenden Zitats.
Heute mittag war ich mal wieder mit meinem Hund spazieren, als ich an einer Reihe von Bäumen vorbeigelaufen bin, die auf dem Bürgersteig des Mannheimer Nordviertels Käfertal stehen. Sie wissen schon, die klassische, wir tun da ein paar Bäume hin, damit wir ein bisschen Grün haben. An einigen der Bäume war mit zwei dicken Klebestreifen ein weißer Zettel befestigt, mit der Aufschrift “Hundekot bitte wegräumen”.
Und da habe ich mir gedacht, das ist aber klasse. Da habe ich also die Illusion von Natur in einem urbanen Umfeld geschaffen, damit ich mich als Mensch dort etwas wohlfühle. Aber die Illusion soll bloß nicht zu real werden und mit negativen – wie auch immer gearteten Konsequenzen – herkommen, nein, nein, wir isolieren nur den vordergründigen Vorteil und freuen uns darüber. Es war ja jetzt nicht so, dass der Baum direkt in den Asphalt eingepflanzt war. Da waren um den Baum herum noch einige Quadratmeter Erde. Und ich sehe es vollkommen ein, dass Hunde nicht auf Kinderspielplätze gehen und dass die Kacke von der Straße geräumt werden soll und ich mache das und respektiere das auch, es ist echt zum Kotzen, wenn die Straßen mit Hundekacke übersät sind. Aber ernsthaft, das ist ein GOTTVERDAMMTER BAUM, was zur Hölle erwarten denn die Menschen?
Dieses Beispiel zeigt das ekelhafte arrogante Selbstverständnis des Menschen in seinem Parasitencharakter, so etwas sackdämliches. Da zerstöre ich Teile der Natur indem ich die ganze Welt kultiviere. KULTIVIERE!?!? Dieses Wort schaut so positiv aus. Aber egal, jedenfalls zerstöre ich die ganze Welt indem ich mich breitmache wie ein fetter Deutscher auf Mallorca (oder auch ein roter Engländer auf Kreta – Nationalitäten sind Schwachmatentum), baue mir überall wo ich hingehe einen Menschenbau, einen immer wachsenden Krebsmenschenstock, pflastere die Erde mit schwarzer Pech zu … Bäh, mir wird echt schlecht. Ich bin kein Öko oder sowas, überhaupt nicht, aber wenn Städte Menschen produzieren, die in der freien Natur überhaupt nicht überlebensfähig sind, weil sie nicht dreckig sein können und alles eklig finden und vor allem Angst haben, das sich bewegt, ohne das sie es bedienen, dann kotzt mich das einfach an.
Auf eine bestimmte Art und Weise gehört das mit Sicherheit zur Evolution. Städte sind Träger von Kultur und Kultur ist nur möglich, weil der Mensch sich in der Stadt eben keine Gedanken um Beschaffung von Lebensmitteln sorgen muss, weil in der Stadt das Leben viel informationsbasierter stattfindet, als körperlich-real. Ja, ist in Ordnung. Aber ich sehe den vorher beschriebenen Aspekt dieser Entwicklung dann eben als falsch an, weil er nicht Weiterentwicklung sondern Spezialisierung ist. Addition by subtraction. Ich will addition by growth! Dass der Mensch im Gesamtkontext wächst.
Also: wenn lebende Natur, dann mit ihren Folgen. Inkosequenz. Gott, wie ich das hasse.